Stierkampf und dessen Ursprung: Kunst? Tradition? Kultur?

Stierkampfanhänger beschwören eine Jahrhunderte alte Tradition und Kultur herauf, die gar bis in die Antike reichen soll, um auf ihrem Recht zu bestehen, weiterhin den Blutorgien frönen zu können. Uninformierte Bürger, unter ihnen auch Politiker, die sich nicht weiter mit dem Thema beschäftigen, schenken diesen Argumenten glauben, ohne diese jemals zu hinterfragen.
Wie sieht die Realität aus? Was steckt hinter dieser angeblichen Tradtion, dieser Kultur und Kunst, in deren Namen man in Europa (Portugal, Spanien und Frankreich) jährlich zehntausende von Stieren, Kühen und Kälbern aufs Grausamste abschlachtet?

Nachstehend ein Auszug aus dem Buch „L´engany de la corrida“ (Der Betrug des Stierkampfs) von Jordi Portabella, Biologe und Politiker. Das Buch gibt ein langes Gespräch wieder, das der Journalist Jordi Galves, der absolut nicht mit dem Thema Stierkampf vertraut ist, mit Jordi Portabella über Stierkampf führt. Hier der Teil, der von der Geschichte, der angeblichen Geschichte des Stierkampfs handelt.

J.G.: Das Daseins des Stierkampfs wird von einem ästhetischen, intellektuellen, künsterlischen Blickpunkt heraus gerechtfertigt, um zu rechtfertigen, dass Stierkampf Kultur ist

J.P.: Der Stierkampf kann sein Attraktiv haben. Wenn du dir einige Aufnahmen von Mythen des Stierkampfs anschaust wie Juan Belmonte, den man den "pasmo de Triana" (den Erstarrten von Triana) http://de.wikipedia.org/wiki/Juan_Belmonte nannte, weil er sich mit einer irritierenden Langsamkeit bewegte, mit einer ausserordentlichen Eleganz, verehrt von vielen der grossen spanischen Schriftsteller der Generationen der 98iger und der 27iger, ist man versucht zu sagen, dass der Stierkampf nur aus eleganten Bewegungen besteht, der Torero mit der „capa“ (Reiztuch), die Art und Weise wie er den Hörnern des Stieres ausweicht. Aber das ist nicht so. Der Stierkampf ist nicht nur das. Würde es sich nur darum handeln, ein Stück Stoff über die Hörner eines Stieres zu schwingen wäre es keine Grausamkeit. Der Stierkampf ist eine ästhetische Illusion, und nur das, eine Illusion. Einige Grössen der spanischen Kultur wie Gregorio Corrachano Ortega oder Mariano de Cavia haben den Stierkampf intellektualisiert, aber der Stierkampf ist Tod und Schmerz.

Belmonte selbst hat sich umgebracht nachdem er hunderte und aberhunderte von Stieren getötet hat, so besessen wie er vom Tod war. Es sind nicht nur die Texte von Valle-Inclán oder von Gerardo Diego oder die Bewunderung von Ernest Hemingway. Hemingway war auch vom Tod besessen und auch er hat sich umgebracht. Sagen wir es mal ganz klar: Blut und Tod sind gegenwärtig, der dunkle Teil eines traditionellen Ausdrucks, der sich auf Schmerz und Folter gründet. 1978, also aus einer modernen Perspektive heraus, jüngst, zeitgenössisch, warf Roland Barthes Antoine Compagnon vor, dass der Stierkampf eine Interpretation, eine Analogie einer Tragödie sei.

Viele Toreros haben ihrem Abscheu vor Blut, vor Schmerz und vor dem Tatbestand, wäre es kein Stierkampf, wäre das, was sie tun, vollkommen ekelhaft und sträflich, Ausdruck gegeben. Wenn ein künsterlischer Ausdruck dazu führt, dass wir uns nicht besser fühlen, wenn dieser Ausdruck dazu dient, einer Abscheulichkeit einen Aspekt von Irrealität zu geben, wenn der Stierkampf nur eine ästhetische Form von Tod und Folter ist, dann ist es ein künstlischer Ausdruck, der gesetzlich verboten werden kann.

Würde man ihm keinen Schaden zufügen, würde man dem Stier nicht unnötig Leid zufügen, würde man ihn nicht opfern, dann würden wir von etwas anderem sprechen. Ich spreche dem Stierkampf nicht die Ästhetik ab, die er haben kann, doch wir sprechen hier vom Schmerz eines Tieres, das dort geopfert wird. Bringen wir ein bisschen unsere Werte in Ordnung und setzen wir den Respekt vor dem Leben vor allen anderen, meinst du nicht auch? Der Schmerz eines Lebewesens ist als legitime Form von künstlerischer Befriedigung inakzeptabel. Ein so bedeutender Schriftsteller wie Victor Hugo, einer der enthusiatischen Verteidiger der Abschaffung der Todesstrafe im 19.Jahrhundert als höchste und exemplarische Bestrafung, war sich im Klaren darüber, für die Abschaffung der Todesstrafe zu kämpfen, der gleiche politische Kampf wie um den Tierschutz ist.

Es ist der gleiche Kampf, weil man damit sagen will, dass man gegen Leiden, gegen unnötigen Schmerz eines Lebewesens ist. Im 19.Jahrhundert fand man gewöhnlich in der beginnenden Bewegung des Tierschutzes Antisklaven, Kämpfer für die Gleichheit unter menschlichen Etnien. Es gibt einen Satz in einem seiner Briefe, der alles beinhaltet: "Einen Stier zu foltern bedeutet ein Gewissen zu foltern". Victor Hugo war der Meinung, dass wir politische Tyrannen haben werden solange der Mensch nicht aufhört tyrannisch zu sein. Und während wir nicht der Grausamkeit absprechen, wird es weiterhin Grausamkeit geben.

Wir können nicht sagen, dass die ästhetische Sensibilität oder der intellektuele Gros der Gegner des Stierkampfs kleiner ist, als der der Befürworter. Deshalb glaube ich nicht, dass die ästhetische Debatte die Achse ist, mit der wir bestimmen sollten, ob der Stierkampf für unsere Gesellschaft geeignet ist oder nicht. Ob uns die Tauromachie gefällt oder nicht.

J.G.: Donnerwetter, Portabella, langsam, gehen wir Stück für Stück vor. Was ist die Tauromachie?

J.P.: Es gibt verschiedene Wege, dieses so grossartige und gleichzeitig so falsche Wort zu erklären: Tauromachie. Erinnere dich an das Wort „Gigantomachie“ (Anm.: Kampf der griechischen Götter mit den Giganten) der mythologischen Erzählungen, an die „Naumachie“ (Anm.: Ausdruck für die in der Antike nachgestellten Seeschlachten oder für die Anlagen, in denen diese Schauspiele stattfanden) oder die „Logomachie“, die philosophischen Streitgespräche der römisch-griechischen Welt. Es gibt sogar das Wort „Bratracomiomachie“, will heissen, der komische Kampf zwischen Fröschen und Mäusen.

Wörter mit griechischer Herkunft beeindrucken immer sehr. Oder der Satz von Ortega y Gasset der besagt, dass die Tauromachie "die tragische Freundschaft, drei Mal tausendjährig, zwischen des spanischen Mannes und dem Kampfstier" sei. Doch ist der Satz so poetisch wie falsch. Die Tauromachie ist nichts weiter als ein Ritual aus dem man ein Geschäft gemacht hat, eine Festveranstaltung, bei der man das Lynchen eines Rindes durch eine Gruppe von Personen durchführt. Einige, die es durchführen und andere, die zuschauen. Und ausserdem ist es ein falsches antikes Wort. So gesehen handelt es sich um eine kürzliche Erfindung, aus dem 19. Jahrhundert, als die Abhandlung der Tauromachie von Pepe Hillo 1796 und die berühmte Kollektion der Stiche von Goya, die "Tauromachie" 1816 erschienen.

J.G.: Aber stimmt es denn nicht, dass man in der Antike Zeremonien mit Stieren durchführte?

J.P.: Genau das sind sie: Feiern, archaische Rituale, die den Stier als Protagonisten hatten und datieren wahrscheinlich von der Domestikation des Rindes durch den Menschen der Vorgeschichte. Das hat nichts mit dem zu tun was man Tauromachie nennt und was man eigentlich einfach als ein Laufen mit Stieren bezeichnen kann. Seit den Zeiten der Vorgeschichte, nun, seit immer schon, hat der Mensch Rituale und Opfer jeder Art durchgeführt, nicht nur mit Stieren, sondern mit jeder Art von Tieren und sogar mit Menschen. Man rufe sich nur die Menschenopfer in vielen Religionen in Erinnerung oder die Kämpfe im Römischen Zirkus oder das Lynchen der ersten Christen durchgeführt von Rom.

Auch hat man immer schon versucht, dem Stierkampf Würde zu verleihen, indem man ihn nicht mehr und nicht weniger als mit dem dunklen mysterischen Mitraismus oder den Mysterien der Mitra in Verbindung bringen wollte, ikonographisch verbunden mit dem Stier durch die Stiertötung (Tauroktonie), rituelles Opfer eines Stieres, das Mitra durchführt. Doch das alles hat geschichtlich überhaupt nichts mit dem Stierkampf zu tun.

Das, was wir unter der „fiesta de toros“ verstehen ist eine Erfindung, die aus dem 18. Jahruhundert stammt. Verknüpft, klar, mit den alten Volksfesten, die Kämpfe zwischen Tieren beinhalteten und Vorführungen, die an die Jagd zu Pferd und die mittelalterlichen Turniere erinnerten, zusammen mit dem Hetzen von Stieren, daher kommt auch der Name "corrida de toros" (Anm.: hetzen von/laufen mit Stieren), wo doch Tatsache ist, dass es sich nicht um ein Rennen handelt, gerannt wird sehr wenig und es gibt keinen Schnelligkeitswettkampf.

Der Ursprung des Stierkampfes ist auf der einen Seite mit den Volksfesten verbunden, Durchführungen von Jahrmärkten und mit religiösen Akten. Auf der anderen Seite gibt es ganz klar einen Zusamenhang mit den Ritterturnieren, mit dem protzigen Zurschaustellen der Aristokratie, das diese dem Volk bot, um ihre Fähigkeiten im Waffengebrauch durch eine Konfrontation mit einem Tier grossen Ausmasses wie z.B. einem Bären oder Stier, vorführte. Die Aristokraten waren die "Obersten" der Gesellschaft und mussten sich deshalb mit den gefürchtesten Tieren messen.

J.G.: Und dann .... die Zeremonien mit Stieren der Minoischen Kultur auf Kreta oder die des antiken Äyptens?

J.P.: Ja, das stimmt, sie sind miteinander verbunden. Auf dem minoischen Kreta, im Zusammenhang mit dem Mythos des Minotauros, ein Fabelwesen halb Mensch, halb Stier, feierte man den berühmten Sprung des Stieres, der darin bestand, dass Männer und Frauen über 14 Jahre und mit grosser Geschmeidigkeit, vor den Stieren liefen und dann auf ihn hinaufsprangen, indem sie sich an den Hörnern festhaltend eine Art Purzelbaum vollführten und auf dem Rücken des Stieres landeten und danach hinten über das Tier auf den Boden fielen.

Im Palast von Knossos kan man heute noch ein berühmtes restauriertes Gemälde bewundern, das Zeuge davon gibt. Doch den Stierkampf mit diesen historischen Vorläufern zu vergleichen ist nur ein Versuch, diesen mit einer geschichtlichen Vergangenheit zu würdigen, obwohl er wirklich nur fern verwandt ist.

Diese Praktiken waren über ganz Europa verteilt und normalerweise hat man die Tiere nicht geopfert. In jedem Fall ist der Stierkampf genauso mit den Opferriten in Nepal zu Ehren der Göttin Gadhimai verwandt. http://www.youtube.com/watch?v=YlRS3JixkT4 Entweder ist alles mit einander irgendwie verbunden oder nicht, aber es ist nicht rechtens, den Stierkampf nur mit Zeremonien mit einer positiven und würdigen Geschichte in Verbindung zu bringen.

J.G.: Ich hab noch nie von diesen Zeremonien in Nepal zu Ehren einer Gottheit gehört

J.P.: In der letzten Zeit hat die Presse das Thema aufgrund der heftigen Abscheu, die sie hervorgerufen haben, aufgegriffen. Das sind unzweifelhaft Zeugen für die verwerflichste Grausamkeit begangen an Tieren, die man noch immer auf unserem Planeten durchführt. In diesem Fall ist die Berechtigung hierfür nicht nur Ästhetik und Kultur sondern auch Religion. Die Zeremonie wird im Distrikt von Bara im Süden Nepals mit hinduistischem Glauben alle fünf Jahre durchgeführt. Letztes Jahr nahmen laut Presse mehr als fünf Millionen Gläubige aus dem ganzen Land und aus Indien teil. Fünf Jahre zuvor hat man 12.000 Büffel zu Ehren der Göttin Gadhimai geopfert und während der letzten Zeremonie hat man 15.000 getötet, zu denen noch zwischen 100.000 und 200.000 Ziegenböcke kamen.

Das Ritual dauert zwei Tage und findet innerhalb einer begrenzten Fläche von 3 km2 statt, auf der man grosse Massengräber rund um den Tempel der Gadhimai aushebt um die geopferten Tiere darin zu vergraben. Deren Fleisch wird den Gläubigen, die dies verlangen, ausgehändigt oder denen, die damit handeln. Die Gläubigen verlangen von der Göttin einen Wunsch, irgendeinen, wie z.B. dass sie einen kranken Familienangehörigen heilt oder dass einem kinderlosen Mann Nachkommen gewährt werden. Wird der Wunsch erfüllt, tötet jeder Gläubige ein, zwei oder hunderte von Tieren je nach seinen finanziellen Möglichkeiten. Und einmal die massive Grausamkeit gegen Tiere beiseite zu lassen, hat das Ganze auch gar keinen Sinn. Ohne Sicherheitsmassnahmen oder sanitäre Vorkehrungen, erlaubt man eine archaische Veranstaltung wie diese, die zudem ein Fokus von Infektionen und ansteckenden Krankheiten für die Menschen sein kann.

J.G.: Aber das ist weit von unserer kulturellen Tradition entfernt und daher verbindet man diese nicht mit dem Stierkampf.

J.P.: Klar, kulturmässig hat das nichts miteinander zu tun. Aber es handelt sich hier um das gleiche universelle Phänomen von öffentlicher Grausamkeit und Begehen eines Spektakels das auf Folter und Opfer eines Tieres basiert. Der gleiche Instinkt des Menschens, der darin besteht, seine eigenen Frustrationen abzureagieren oder die Freude über Folter und Opfer eines Tieres, das praktisch hilflos ist, zu feiern. Ja, der Stierkampf ist mit den Ritualen der minoirischen Kultur verbunden wie die der Göttin Gadhimai, das hängt davon ab, aus welcher Perspektive wir dies betrachten, so gesehen sind alle gültig, wenn wir ganz klar festlegen, welche die Beziehung zwischen ihnen besteht.

Oder wenn man will, um eine Referenz zu einem viel näheren Fall zu machen, zutiefst katalanisch, könnten wir auch vom Töten des Schweines sprechen. Dies ist eine europäische Tradition, die wir an vielen Punkten unserer Geographie und unseren Nachbarländern und die nicht ganz so nachbarlichen finden können, alle katholisch. Das Töten des Schweines ist nicht nur eine simple Begehung einer Zeremonie, die dazu dient, in den ländlichen Gegenden Fleisch für den Winter zu erhalten. Das Schwein ist ein beachtliches Tier von symbolischen und religiösen Standpunkt aus gesehen. Vor allem ist es eine öffentliche Zurschaustellung des militanten Katholizismus, auch wenn die Mehrheit der Menschen, die diese Schlachtung praktizieren diese Tatsache nicht kennt. Die Tötung des Schweines zu feiern bringt mit sich, Schwein zu verzehren, etwas, was weder die Araber noch die Juden, die beiden anderen religiösen Glaubensgemeinschaften, tun, die während des Mittelalters mit den Christen der Halbinsel und Europas zusammenlebten, konnten dies auf keinen Fall tun wollten sie den Geboten ihrer jeweiligen Religionen treu bleiben.

Die Tötung des Schweines durchzuführen, öffentlich, will heissen vor Augen aller zeigen, dass man Schweinfleisch verzehrt und so keiner anderen Religion als der katholischen Christen angehört. Aber klar, dieses Zeugnis von religiöser Reinheit basiert auf einem Opfer, der Grausamkeit ausgeführt an einem Tier. Genau wie im Stierkampf.

Deshalb glaube ich, dass darüber hinaus gerechtfertigte Vergleiche mit Zeugenaussagen mehr oder weniger weit entfernt in Zeit und Raum zu erstellen, Beziehungen jeglicher Art mit anderen Zeremonien, die als zentrale Protagonisten die Folter und Tod eines Tieres festzustellen, müssen wir doch festhalten, dass der Stierkampf eine sehr spezifische und eigene Veranstaltung ist. Eine Zeremonie mit eigener Persönlichkeit, unmöglich sie mit einer anderen zu verwechseln, mit einer eigenen Sprache, einer Mythologie und einer Unzahl von verschiedenen Elementen, die sie ohne Schwierigkeiten heraushebt. Eine "fiesta" die wir dokumentarisch belegt mit vielem in Beziehung bringen können, doch die tatsächlich Anfang des 18. Jahrhunderts entsteht, zu einer Zeit, zu der der die Illustration in Spanien scheiterte. Die Stierkämpfe festigen sich im einzigen Land Europas wo die Illustration scheitert. Paralell müssen wir uns vergegenwärtigen, dass dort wo die Illustration triumphiert, Kämpfe zwischen Tieren und öffentliche Menschenopfer verboten werden. Erinnern wir uns an einige illustrierte Politiker wie Godoy, die den Stierkampf im Jahr 1805 abschafften.

Und dass die nachfolgenden Regierungen, unter ihnen die französischen Eindringlinge durch Josef Bonaparte, die sich beim spanischen Volk einschmeicheln wollten, diese wieder einführten oder wie Ferdinand VII, ein Monarch der die zuvor geltende uneingeschränkte Gültigkeit wieder herstellte.

Der illustrierte José Cadalso kritisiert in seinen "marokkanischen Briefen" den Stierkampf und den spanischen Brauch für die Faszination des Blutes. Oder derselbe Gaspar Melchor de Jovellanos verlangt die Abschaffung, weil es ein grausames und unmenschliches Spektakel sei und keinen Platz mehr im kulturisierten Europa hat. Wir sollten nicht vergessen, dass im spanischen Staat die Inquisition und ihre grausamen Praktiken fast zwei Jahrhunderte mit dem modernen Stierkampf zusammenlebte. Es gibt eine ganz klare Beziehung zwischen den beiden Ausübungen von Unbarmherzigkeit, Gefühllosigkeit und Brutalität. Der Glaubensakt http://de.wikipedia.org/wiki/Autodaf%C3%A9 der Inquisition und des Stierkampfes sind vor allem Spektakel der Grausamkeit. In einer Gesellschaft mit einer starken und gut genährten Vorstellung von Schuld und Strafe.

Tatsächlich behandelt man den Stier symbolisch wie einen Verurteilten, man brandmarkt ihn, man foltert ihn, bevor man ihn tötet. So wie man es mit den Leibeigenen tat, die sich während des Mittelalters gegen ihren Herrn erhoben. Man schneidet den Stieren die Ohren ab, nicht erst, wenn sie übermächtigt am Boden liegen, nein, am Anfang. Man zeichnet sie, um damit ein Zeichen für ihre Ruchlosigkeit und Schmach zu setzen.

J.G.: Nun, in jedem Fall gibt es illustrierte Befürworter des Stierkampf, oder nicht? Ich denke da an Goya.

J.P.: Bist du dir da sicher, dass Goya ein Befürworter des Stierkampfs war? Die Sache ist nicht so ganz klar wie es bisher erschien. Kürzlich hat man die berühmte Kollektion der Stierkampfstiche, der La Tauromaquia, entdeckt. Sie waren ursprünglich dazu bestimmt, die Texte eines ausgesprochenen Stierkampfgegners, José Vargas Ponce, auszuschmücken und die später, aus verschiedenen Gründen, wahrscheinlich finanziellen, in einem anderen Sinn benutzt wurden. Man hat aus Goya einen Stierkampfbefürworter gemacht, obwohl er keiner war.

Auf jeden Fall gibt es auf einer der Platten der La Tauromaquia eine Unterschrift von Goya, die da besagt: "Bárbara diversión" (Barbarische Erheiterung). Sie befindet sich im Britischen Museum. Wir nehmen an, dass diese Serie von Zeichnungen innerhalb einer allgemeinen Serie von typischen spanischen Elementen gewidmet ist: dem Irrenhaus, dem Glaubensakt, den Prozessionen.... Und dabei dürfen wir nicht vergessen, dass ein Bestandteil des Stierkampfs ein aufgeschlitztes Pferd ist. Goya widmet sich dem Beobachten von beunruhigenden Tatsachen, dem widerwärtigen Teil der Welt, die ihn umgibt und allein in diesem Zusammenhang muss man die Zeichnungen über Stierkampf beurteilen.

Wir sollten nicht vergessen, dass es sich dabei um Werke handelt, die mit "los desastres de la guerra" (Die Schrecken des Krieges), mit den "Caprichos" (Launen) und den "Disparates" (Unsinn), vergleichbar sind und nichts anderes sind als eine Anklage der Brutalität, die Menschen über Menschen ausüben, über Frauen, der Erwachsenen über Kinder, über den Aberglauben der die Gläubigen einschnürt etc.

Die Ausstellung, die das Museum El Prado 2001 über die La Tauromaquia gab, gibt eine völlig neue Interpretation über die Einstellung von Goya zum Stierkampf, abgesehen von der Verwendung, die man später seinem Werk gab, den sogenannten Stierkämpfen "goyescas", sind nichts anderes als eine Übertreibung von etwas Typischen und von Klischees, von etwas Malerischem und Nostalgischem.

Auch dürfen wir nicht vergessen, dass Goya in seinem Haus, der berühmten Quinta del Sordo, ein ausserordentliches Gemälde aus der Serie der schwarzen Farben hatte, der halbversunkene Hund, "el perro semihundido", das ein seltenes Zeugnis von Gemälden über Tiere darstellt. Will heissen, eines der seltenen Gemälde, die sich für das Leiden eines Tieres interessieren, wegen der Einsamkeit, wegen der Traurigkeit. Ein Vorläufer der semiabstrakten Kunst.

J.G.: Der Stierkampf ist dann also eine ziemlich moderne Zeremonie.

J.P.: Ja, die Historiker beweisen es, es ist so. Um den Stierkampf mit Würden auszustatten hat man versucht einen antiken Ursprung zu finden, der ihn mit den Ritualen des primitiven Menschen verknüpft und man hat aus der Luft gegriffene Erklärungen aufgetischt, wovon der grösste Teil poetischen Ursprungs sind wie der Konflikt zwischen Mensch und Bestie, der Herrschaft des Menschen über die Natur, der Kampf zwischen Intelligenz und Kraft.

Fotos: copyright Christophe Thomas, www.sauvons-un-taureau-de-corrida.com

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