Álvaro Munera, Ex-Matador, Stadtabgeordneter von Medellín, Kolumbien

Álvaro Munera war unter dem Namen „El Pilarico“ als Matador bekannt bis ihn im Jahr 1984 in Spanien ein Stier während eines Stierkampfs derart an der Wirbelsäule verletzte, dass er querschnittsgelähmt blieb. Langsam begann in ihm eine Wandlung vom Stierkämpfer zum (S)tierschützer und als er durch eine Bürgerinitiative im Jahr 1997 Stadtabgeordneter von seiner Heimatstadt Medellín wurde, begann er u.a. auch für ein Stierkampfverbot in diesem Ort zu arbeiten, das im Jahr 2008 vom Stadtrat verkündet wurde. Keiner wie er kennt die Welt des Stierkampfs, weiss, was hinter den Kulissen geschieht. Daher bat Torolobby ihn um eine Stellungnahme zu den Gerüchten über die angebliche Folter der Stiere vor dem Stierkampf.

„Alles, was man im Internet über die angeblichen Foltern, die die Stiere vor dem Stierkampf über sich ergehen lassen müssen, liest, ist falsch. Diese ganzen Kommentare schädigen unseren guten Ruf, unsere Sache. Die Stierkampfbefürworter wissen ganz genau, dass das alles nicht stimmt und benutzen dies, um uns herabzusetzen und in Misskredit zu bringen.

Nachstehend führe ich den Prozess auf, den ein Stier für den Stierkampf während der Aufzucht durchläuft. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass es sich einmal um Tierquälerei handelt und ein andermal um Grausamkeit.

Der erste Kontakt mit Grausamkeit, den das Kälbchen mit 8 Monaten hat, ist während des Brandmarkens. Im Gegensatz zum normalen Vieh, das man mit Farbe kennzeichnet, benutzt man bei Rindern für den Stierkampf glühendes Eisen. Man verbrennt damit die Haut des Rindes, damit man später die Zeichen dank der dicken Narben erkennen kann.

Damit das Kalb alle Nummern zur Identifikation aufweist, wird es fünf- bis sechsmal mit den heißen Eisen gebrannt. Zwei davon sind das Zeichen der Zucht und eines für das Jahr, in dem es geboren wurde.

Zuvor, am selben Tag, wurde das Kalb von seiner Mutter getrennt und ab diesem Zeitpunkt ist es eine Frage der Zeit, bis es zu einer Stierkampfarena geführt wird, um dort zu sterben.

Kühe und Stiere, die zur Zucht dienen sollen, müssen eine grausame Prüfung über sich ergehen lassen, in der man sie von einem Pferd aus mit einer Lanze, deren Spitze 2 cm lang ist, sticht. Dies geschieht auf der Kampfstierzucht und in jenem Moment entscheidet es sich, welches Tier zum Schlachter muss oder welches zum Züchten dient, je nachdem wie die Antwort des Tieres auf die Provokation durch Schmerz ist. Ob es angreift oder nicht.

Stiere, die von Anfang an für den Stierkampf gedacht sind, leben in Frieden bis zu ihrem Ende auf einer „plaza“. Einige Kampfstierzüchter greifen zu der illegalen Praktik des Hornspitzenabschleifens, um so gewisse Matadore zu schützen. Diese Behandlung besteht darin, den Stier bewegungsunfähig zu machen und ihm die Hornspitze zu entfernen, damit so der Stier die Fähigkeit, Entfernungen richtig zu messen, verliert. weil ihm ja zwischen fünf und zehn cm am Horn fehlen.

So stößt er ins Leere, auch wenn er auf den Matador zielt. Dies fällt unter Tierquälerei, nicht unter Grausamkeit, da das Abschleifen des Horns nicht so weit unten durchgeführt wird, wo das Horn Nerven besitzt. Man kann es mit dem Beschlagen eines Pferdes vergleichen oder mit Nagelschneiden.

Auch der Transport ist unter Tierquälerei einzustufen, da sich das Tier in einem engen Käfig befindet, der es ihm unmöglich macht, sich während der Fahrt von der Kampfstierzucht bis zur Stierkampfarena, zu bewegen. Es gab Fälle, in denen Stiere durch Hitzschlag in ihren Käfigen starben, doch das sind sporadische Vorkommnisse.

Nach dem Ausladen werden die Stiere über eine Waage geführt und von dort kommen sie auf die Koppeln im Inneren der Stierkampfarena. Zwei Stunden vor dem Stierkampf werden sie einzeln in abgedunkelten, schmalen Ställen untergebracht bis sie in die Arena hinausmüssen.

Dort, an der Tür, die zur „plaza“ führt, beginnt mit dem Einstechens eines Widerhaken in den Nacken von 6 cm Länge, an dem Bänder mit den Farben der Kampfstierzucht befestigt sind, eine extreme Grausamkeit und Folter.

Kurz darauf wird dem Stier wiederholt eine Lanzenspitze in den Nacken gejagt, anschließend die „banderillas“, bunt geschmückte Holzstöcke mit Widerhaken. Beim Stierkampf zu Pferd sind es die „rejones de castigo“ (Anm.: 1,60 m Lanze mit einer 18 cm langen und 2,5 cm breiten doppelschneidigen Klingen mit bis zu vier Einkerbungen  )
und die „farpas“, die schwarzen Straf„banderillas“ (Anm.: Wenn ein Stier nicht kämpfen will. Widerhaken aus Stahl, 8cm lang, Haken 2 cm und 6 mm Durchmesser  ) werden in die Nackenmuskulatur getrieben um dann in einem Todesstoß ins Herz und dem „descabello“, dem Genickstoß, zu gipfeln. All dies ist extreme Grausamkeit und Folter.

Kein Kampfstierzüchter würde zulassen, dass seine Stiere vor dem Stierkampf geschlagen oder sonst irgendwie körperlich behindert oder geschwächt werden. Die Aufzucht eines Stieres ist sehr kostspielig, zu kostspielig, (Anm.: zwischen 3.000 und 5.000 Euro) um ihn schon vor dem Kampf fertig zu machen und zu schwächen.

Es ist mehr als genug, dass diese Praktik ohne Sinn und Verstand ist.

Zu brutal, blutig, extrem grausam und absolut ungerechtfertigt ist es, was man dem Stier in der „plaza“ antut, um noch neue Gräuel und Grausamkeiten zu erfinden, die dann absolut nicht zutreffend sind und die nur dazu führen, denen, die für die Abschaffung der Stierkämpfe arbeiten, Schaden zuzufügen, indem sie unglaubwürdig wirken und so nur den Stierkampfbefürwortern in die Hände spielen“. (Álvaro Munera)

http://www.rnw.nl/english/article/vegetarian-bullfighter
Europäische Initiative zur Abschaffung der Stierkämpfe in Europa